Kürzlich wurde auf Spiegel Online ein Artikel veröffentlicht, der sich mit dem TV-Abschied von Marcell D’Avis, der in seiner Funktion als „Leiter Kundenzufriedenheit“ einige Jahre das Werbegesicht von Internet-Provider 1&1 war, auseinandersetzte.
D’Avis hat sicher nicht nur bei mir als Testimonial für eine deutliche Steigerung der Markenbekanntheit von 1&1 gesorgt. Warum blieb er aber so besonders gut im Gedächtnis? Der Noise-Level allein von Testimonial-Werbung ist schließlich schon beachtlich hoch. Sicher hat es auch mit dem ewigen Reizthema „Kundenservice in der Telekommunikationsbranche“ zu tun, für das D’Avis steht und mit dem sich auch der Spiegel im obigen Beitrag in erster Linie beschäftigt hat. Vergleicht man aber Marcell D’Avis mit anderen Arten von Testimonials, so nimmt er eine Sonderstellung ein, die die Wirkung und den Recall der Spots unterstützt hat.
Testimonials können real oder fiktiv sein. Letztere – wie Dr. Best oder Herr Kaiser – halte ich in transparenten Internet-Zeiten für eine aussterbende Spezies. Auch wenn sich das Gerücht eine Weile hielt, D’Avis wäre Werbe-Fiktion, ist er ein reales Exemplar. Hier kämpft er mit einer Reihe verschiedener Testimonialtypen um die Aufmerksamkeit der Zielgruppen: Unzählige Prominente, Stars und Sternchen leihen ihren Namen für Marken und Produkte. Zum Zeitpunkt des Kampagnenstarts war D’Avis nicht prominent und kann klar nicht in diese Kategorie eingeordnet werden. Auch nicht in die Testimonial-Gruppe “Kunden”, wie sie z. B. Fielmann aktuell in TV-Spots einsetzt.
D’Avis ist in führender Position bei 1&1 angestellt, somit gehört er grundsätzlich zur Kategorie Mitarbeiter bzw. Unternehmensvertreter. Mitarbeiter-Testimonials sollen dem Zuschauer/Leser das „Einer von uns Gefühl“ geben und damit Glaubwürdigkeit ausstrahlen. Kennen Sie Dieter Sieber? Er ist ein aktuelles Beispiel für ein Mitarbeiter-Testimonial von ExxonMobil. Weit bekanntere Beispiele dieser Gruppe sind Unternehmerpersönlichkeiten wie Claus Hipp, der für die Bio-Qualität seiner Baby-Nahrung mit seinem Namen steht oder Wolfgang Grupp, der seine Trigema-Textilien nur in Deutschland fertigen lässt.
Für mich stellt D’Avis eine spezielle Mischung in der Testimonial-Landschaft dar, weil er als Mitarbeiter weder prominent aufgrund seiner Position im Unternehmen, noch ein mehr oder weniger gesichtsloser Vertreter à la Dieter Sieber ist. Die entscheidenden Zutaten für diese Inszenierung sind für mich der bodenständige Charakter inklusive auffälligem Akzent und die direkte persönliche Ansprache der Zuschauer, die Nähe und Glaubwürdigkeit kommunizieren. Andererseits sorgen der nicht zu ignorierende Namenskult („Hallo, ich bin Marcell D’Avis.“) und der omnipräsente Einsatz von D’Avis auch in Spots, die nicht direkt mit Kundenservice zu tun hatten, für einen gewissen Promi-Status. So wurde dem Leiter Kundenzufriedenheit auch die Ehre zuteil, Hauptdarsteller in zahlreichen mehr oder weniger schmeichelhaften Parodien zu sein.
Nach dem Ende von D’Avis’ Werbekarriere können wir nun auf den nächsten polarisierenden Werbepromi von nebenan warten, falls wieder eine Marke auf diesen Ansatz setzen sollte.





